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Bericht zum Back-To-Future 2008 im Shockstar #19
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"Es war einmal ein junger Mann, der seine sächsische Heimat, ob der großen Not die dort herrschte, verlassen musste und sich auf die Wanderschaft begab. Am Fuße der Schwäbischen Alb fand er ein leidliches Auskommen und da er sich abends stets in Spelunken und Hurenhäusern am wilden Leben labte, er schnell einen Gleichgesinnten und andere Zechkumpane fand. Gemeinsam wurden Reisen zu Tanz- und Fußballtempeln nahezu im gesamten Abendlande unternommen und die beiden in der Blüte ihres Lebens stehenden Jünglinge begingen ihre besten Jahre in einem einzigen Rausch. Da sie nicht gestorben sind, leben sie noch heute und nach seiner Rückkehr nach Sachsen, inzwischen zu einem stattlichen jungen Mann gereift, begann unser Jüngling damit, eigene Tanzveranstaltungen zu geben. Auch im reiferen Alter beglückt Daniel, so heißt unser wackerer Recke, einmal im Jahr die Menschheit mit rauschenden Ballnächten namens BACK TO FUTURE, auf denen Gaukler und Vaganten von nah und fern zum Tanze aufspielen.
So machte sich auch unsere humororientierte Reisegruppe Freitag, um die Mittagszeit auf den beschwerlichen Weg nach Dessau, in den wilden Osten. Mit an Bord waren eine Kiste Bier, Lucy, Schlagzeugschlampe Joe, nebst französischem Souvenir Marie, gesucht und gefunden auf der Frankreich-Tour im Mai. Es ist ja nicht so, dass ich diese Strecke nicht schon ungefähr 100-mal gefahren wäre. Trotzdem schaffe ich es, Höhe Nürnberg beim Kassette wechseln die Abfahrt nach Berlin zu verpassen und gemerkt hab ich es auch erst als es vollends egal war. Daher verzögerte sich unsere Ankunft entsprechend. Aufgrund massiver Orientierungslosigkeit, vor allem aber um die ganzen bekannten Riesaer/Nünchritzer Nasen zu begrüßen, waren dann die TOWERBLOCKS die erste Band, die ich sehen konnte. Dabei fiel mir auf, dass ich die Jungs an diesem Nachmittag erstmals nüchtern erleben durfte und ich muss sagen, meine Begeisterung für die Berliner kommt nicht von ungefähr. Kraftvoller, eingängiger Streetpunk, wie er sein muss, und einmal mehr konnte ich befriedigt feststellen, dass König Alkohol meine Urteilsfähigkeit mitnichten einzuschränken vermag!
Dass ich nicht zum Festival gehen muss um den Herrn Veranstalter persönlich zu treffen, war mir vorher klar. Um mal kurz Hallo zu sagen und uns unsere Backstage-Bändchen zu geben, ließ man uns auch nur gut `ne halbe Stunde warten, bis Herr Wichtig uns die Ehre einer drei Minuten Audienz erwies. Der Donnerstag sei befriedigend verlaufen und ungefähr 200-mal ging der Blick Richtung Himmel. Noch hielt das Wetter…
Inzwischen waren die STAGE BOTTLES eingetroffen und die Sauferei konnte richtig losgehen. Ab und zu den Bands zugesehen und zwischen Bierstand, Backstagezelt (mit interessanten politischen Diskussionen über bestimmte Bands bei anderen Festivals…) und Bühne hin und hergeschwankt, na ja, noch nicht wirklich... So muss ein Festival sein! Nicht zu groß, trotzdem ansprechende musikalische Unterhaltung und die ersten nach Kopfweh schmeckenden Pfeffis wurden mit den Eingeborenen vernichtet. Wenigstens sorgen die für einen besseren Geschmack im Maul und einen gefühlt besseren Odem.
Wetterbedingt musste der Auftritt von DEMENTED ARE GO von der Hauptbühne in die Halle verlegt werden (eine hervorragende Einrichtung, diese Halle, das Wetter kann sein wie es will!!!). Die Band war trotzdem nicht mein Fall an dem Abend.
Dann die STAGE BOTTLES. Mein Alkoholpegel war langsam da, wo er hingehört und ich fand den Gig der Frankfurter hervorragend! Die Songs der neuen Platte waren auch live der Knaller und die alten Klassiker sind eh immer genial. Am Schluss bei "Solidarity" konnte ich, inzwischen amtlich alkoholisiert, den Retsch am Lichtmischpult dazu bringen, das Licht in der ganzen Halle zu dimmen, was auch am nächsten Morgen unter den Mitarbeitern noch für Erheiterung sorgen wird. Ich fand's geil, Mitgröhlen, Rumtorkeln - wie früher…
Das war dann aber auch mein Zeichen zum Aufbruch, also Abmarsch zum Auto, wo ich mein Nachtlager herrichten wollte, aber wieder vorher noch schnell im Backstage ins Zelt geschaut. Im Suff kann einer ja auf die Nacht noch richtig Hunger kriegen und ich ließ mir noch ein paar Schippen vom hervorragenden, von der regionalen Küche geprägten Catering geben. Einmal mehr gelang es mir, einem bekannten Kommunikationswunder vom Kombi-Stand ein zusammenhängendes Gespräch mit mehr als drei Sätzen reinzudrücken. Am Bierstand sagte ich zu einem Mädel, das ich zuerst nicht er-, aber glücklicherweise doch gekannt habe, meinen sächsischen Lieblingsspruch: "Hält däin Feddmaul!" Wollte ich schon immer mal machen. Aber all das wurde mir erst am kommenden Morgen berichtet und zwar von zwei unterschiedlichen Quellen. Meine Nachforschungen ergaben, dass sich alles noch im Rahmen hielt. Aber die Nacht war noch nicht vorbei und hier setzt meine Erinnerung wieder ein, obwohl auch ein Alptraum nicht schlimmer sein kann:
Auf dem Weg zum Auto höre ich noch jemanden kotzen und denk mir nichts dabei, ist ja schließlich `ne Punkrock Veranstaltung. Gefühlte zwei Minuten nach dem Einschlafen, es war schon hell, Druck auf der Blase und raus aus dem Auto. Dann noch mal hingelegt - doch was war das? Der nächtliche Kotzer nebenan im Zelt übt schon wieder sein Lieblingshobby aus und das um 6 Uhr morgens in einer Lautstärke, die durch die geschlossenen Autofensterscheiben laut und deutlich zu hören war. Nach jedem Schrei folgte etwa ein Liter Flüssigkeit und ich liege da, mich fragend, ob das noch ein Mensch ist oder ob ich jetzt selber kotzen gehen soll. Im Ernst, sowas hab nicht nur ich noch nie in meinem Leben gehört! Als ich dann endlich noch mal pennen konnte, fing die Sonne an zu scheinen und dann das Übliche - viel zu früh komplett verschwitzt aufgewacht, mit ner toten Ratte am Gaumen klebend und total verkatert. Also gute Mine zum bösen Spiel machen, Frühstück eingebaut und nen Konter in Form von (lauwarmem) Gerstensaft aus unseren Restbeständen eingeleitet. Als immer mehr Bekannte auftauchen, neue Bekanntschaften gemacht und ältere wieder aufgefrischt werden konnten, stelle ich fest, dass es überhaupt mit das Schönste an solchen Veranstaltungen ist, dieses langsame Warmsaufen am Vormittag und Scheiße labern. Joe und Marie kommen hinzu und erzählen mir, dass sie ab vier Uhr wegen der lieben Nachbarschaft kein Auge mehr zugemacht hatten. Als ich dann noch mal mit ein paar Kollegen zum Auto ging, war die Show noch nicht zu Ende. Wir sagten ihm dann, wer wir waren und dass Ulli grad nicht da sei, aber das interessierte ihn nicht…
Inzwischen waren die FREIBOITER, wieder mit Ersatzspieler Jojo, angekommen und es war fast wie daheim. Die Jungs mussten dann ziemlich schnell auf die Bühne und lieferten einen guten Auftritt vor leider noch etwas spärlichem Publikum ab. Wie so oft am zweiten Tag mussten sämtliche Bands, bis auf meine hochverehrten PEACOCKS, nur mit sporadischem Hinhören meinerseits auskommen. Abends dann, wie konnte es anders sein, kam beim ersten Headliner EVIL CONDUCT draußen auf der Hauptbühne ein derartiges Gewitter, dass der Rest des Abends in die Halle verlegt wurde.
Dort konnten die Belgier überraschend schnell weiter spielen und dann wartete natürlich alles auf KNOCHENFABRIK. Sänger Klaus sieht inzwischen aus wie Curt Cobain, worauf ich ihn nach der Show, verbunden mit der Bitte sich keine Kugel durch die Rübe zu schießen, auch ansprach. Er gab mir das Versprechen und wir philosophierten noch ein wenig über gute Musik. Jedenfalls waren er und seine Jungs in Topform und die Idee mit den zwei Schlagzeugern ist der Hammer! Immer Einer kann saufen, aufs Klo gehen, sich ausruhen usw. während der Andere spielt.
Beim anschließenden Warten auf DIE LOKALMATADORE konnten immer mehr bekannte Gesichter ausgemacht werden und es wurde fast familiär in der riesigen Halle. Die ersten drei Songs der Ruhrpott Proleten übersetzte ich dann Marie simultan ins Französische und sie zeigte sich entsprechend begeistert, so dass Joe mit ihr zum Zelt ging oder hatte das andere Gründe? Der Alkohol verfehlte seine Wirkung nicht und im Backstageraum wurde es nach dem Gig voll. Konnte Bubba wieder nicht dazu überreden, zu meinen Konditionen ein Konzert bei uns zu spielen und nach dem traditionellen Imbiss legte sich der Schreiber dieser Zeilen an diesem Abend mit Rücksicht auf die 500 km am folgenden Tag ins Auto.
Wieder sollte meine Nachtruhe empfindlich gestört werden. Lautstarke Rufe und immer wieder der Name Ulle (Ülläh ausgesprochen), diesmal aber mit weniger aus dem Gesicht fliegendem Material, machten ein Weiterschlafen unmöglich. Da stand sie nun: diverse Angehörige der BTF-Crew und in ihrer Mitte der Mann der einen der stressigsten Jobs des ganzen Festivals gemacht hatte: in der Halle am Mischpult. Die Jungs haben wohl ihren Feierabend in vollen Zügen genossen und Ulle redete immer wieder vom Material einräumen. Beim Verabschieden musste ich doch schon sehr daran zweifeln, dass das an dem Tag noch was werden konnte.
Noch weniger konnte ich mir vorstellen, dass ich jetzt heimfahren konnte. Also fahrtüchtig war ich nicht, aber es lief gut und vier Stunden später setzte ich meine Mitfahrer ab und begab mich selber in die Horizontale.
Tobias Higgins"
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