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BACK TO FUTURE - Festival | Glaubitz Open Air, 21./22.07.2006
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Für den eingefleischten Psycho, Punk Rocker und Skin ist der jährliche Ausflug in die sächsische Provinz nach Glaubitz (bei Riesa) zu einem Pflichttermin im Open Air Kalender geworden. Auch für mich. Dabei lässt sich beobachten, dass das Festival von Jahr zu Jahr die Messlatte in Sachen Line Up höher und höher schraubt. Man schielt nicht vordergründig auf die ganz großen Namen des Genres, sondern präsentiert eine Bandauswahl, die auch und vor allem den Fachmann anspricht.
Doch vor der Kür kommt bekanntermaßen die Pflicht und die bestand in der Anreise bei 35 Grad Hitze, Zeltaufbau mit motivierenden Tönen von Freddy Quinn (Brennend heißer Wüstensand) und einem kurzen Fußmarsch zum Festivalgelände. Hier trieben sich schon vor Konzertbeginn zahlreiche erstklassig gestylte Punks, `Rock`n`Roller, Psychos neben musikinteressierten Normalos herum, bevölkerten Bierstände, versorgten sich am Grill, verzehrten lecker Veganburger oder checkten das Angebot der Merchstände. Genauso international wie das Line Up des Festivals, waren auch dessen Besucher und die Leute hinter den Verkaufsständen. Da stand der italienische Plattenhändler zwischen dem polnischen T-Shirt Stand und dem King Kerosin (Servus Ralf!) aus Hockenheim. Die Hitze forderte ihren Tribut und es kam später am Abend zu unerfreulich langen Schlangen an den Bierständen. Ein Manko, das sich hoffentlich im kommenden Jahr leicht beheben lässt..
Inzwischen hatte das Kulturprogramm auf den beiden Bühnen begonnen. Im Wechsel ging es auf der kleineren Zeltbühne und der großen Hauptbühne zur Sache. Auch das kennt man von anderen Festivals, doch stoppte man hier den Rhythmus für die fünf Headliner des Abends, die am Stück auf der Mainstage präsentiert wurden. Nach dem Start mit zwei lokalen Bands, die zu so früher Stunde schon für beachtliches Feedback sorgten, waren die GUITAR GANGSTERS mein erstes Highlight des Festivals. Es wird wohl immer das Geheimnis des Veranstalters bleiben, warum die Engländer zu so früher Stunde und an dieser Stelle (Zeltbühne) verheizt wurden. Die Stimmung im Zelt war erwartungsgemäß bombastisch und die 77er Punk Hymnen der drei Londoner zündeten auch im voll besetzten, hitzeflimmernden Zelt. Auf der Hauptbühne machten sich jetzt die holländischen High Energy Rock'n'Roller von PETER PAN SPEEDROCK als nächstes ans Werk. Interessanterweise auch ein Trio. Bei uns haben sie den Status Geheimtipp längst abgelegt, doch so gut besuchte Shows wie in ihrer Heimat erleben sie in Deutschland nur selten. Einer dieser raren Momente war in Glaubitz und die Jungs dürften mit ihrem Auftritt eine stattliche Anzahl neuer Fans gewonnen haben.
Mit den BROILERS ging es weiter, für mich immer noch ne grandiose Oi! Band und das trotz oder vor allem des neuen Organisten wegen. Das Publikum stimmte textsicher und lauthals in die Hits der Düsseldorfer Band ein und feierte mit Bassistin Ines und "Mike Ness Ziehsohn" Sammy eine ausschweifende Party. Beachtlicherweise blieb ein Großteil des "Tanzhühnchen" Publikums (so bezeichneten zumindest die Kieler ihre Kollegen aus dem Rheinischen) SMOKE BLOW erhalten und einige neue Leute gesellten sich dazu. Ich kann mich noch genau an das Review der ersten SMOKE BLOW Scheibe für das damals noch aktive 3rd Generation Nation erinnern. Ich habe "666 Bloodrock" gehasst und zwar aus ganzem Herzen. Das war Krach und nichts für mich. Schon kurze Zeit später kam ich in die Verlegenheit die Band um Frontsau Letten live zu erleben und da revidierte ich meine Meinung über die Band grundlegend. Inzwischen lasse ich kein Date in adäquater Entfernung aus. Die Jungs sind der Hammer. Wer SMOKE BLOW nicht kennt, das Besondere sind nicht allein die beiden Sänger, Letten und MC Straßenköter, sondern die Songs. Von Platte zu Platte vollziehen die Nordlichter eine musikalische Kehrtwendung. Der gemeine Back To Future-Fan sollte sich vor allem in den letzten Platten der Band wieder finden, egal wie unterschiedlich die auch sind. Mit zwei Sängern und einer fähigen Band kann man natürlich eine super Show abliefern und das wusste das Glaubitzer Publikum zu würdigen. Gespannt war ich auf den Auftritt der DEAD KINGS. Die Debütscheibe des Psycho All Star Projektes um MAD SIN Köfte vollführte einen wahren Sturmlauf durch die einschlägige Presse. Das aus dem Studioprojekt aber mal mehr werden sollte, war alles andere als vorhersehbar. Zweimal hatte man bis dato die Chance das Projekt zu erleben. Beide Male bei reinen Psychobilly Festivals, einmal in Speyer, zum Zweiten zwei Wochen vor dem Back To Future im spanischen Calella. Inzwischen arbeitet die Band an ihrer zweiten Platte und neben Köfte standen noch Leute von DEMENTED ARE GO, EVIL DEVIL und PETER PAN SPEEDROCK auf der Bühne. Special Guest im Line Up der Band war METEORS Gründungsmitglied Nigel Lewis. Die Band war mit schwarzen Boneskostümen und Zorromasken bewaffnet. Wie simple und effektiv ein passendes Bühnenoutfit doch sein kann, erstklassig! Noch versöhnlicher war der Abschluss auf der Hauptbühne mit der amerikanischen Ska Legende TOASTERS. Seit 26 Jahren im Geschäft, animierten sie das Publikum ohne viel Mühen zum Skanken und Tanzen. Ich hab die New Yorker Band leider schon lange nicht mehr gesehen, hatte aber den Eindruck, dass sie ein wenig vom Gaspedal gegangen sind, was der Sache auf keinem Fall zum Nachteil gereichte. Mit dem Abgang der TOASTERS von der Hauptbühne war der Festivalfreitag noch lange nicht zu Ende. Auf der Zeltbühne hatte man die Verschnaufpause genutzt und die Vorbereitungen für einen eindrücklichen Auftritt der Chemnitzer Aggro Punker von LOUSY genutzt. Das Quartett wurde punktuell von einem fünften Mann unterstützt, der mit seiner Mundi auch auf dem gerade erschienen dritten Longplayer vertreten war. Frontmann Böhme hat den Mob mit ein, zwei knackigen und treffenden Ansagen sofort am Nerv getroffen und die Sause begann. Als die STARTS mit einem EXPLOITED Cover das Ende des ersten Festivaltages einläuteten, zog die Sonne langsam wieder auf und dennoch jubelten ihnen Dutzende Fans aus einem immer noch gut gefüllten Zelt zu. Für mich wurde es Zeit und ich schleppte mich mit letzten Kräften Richtung Zeltplatz.
Die Nachtruhe währte nicht lange, denn die ersten Sonnenstrahlen besaßen so eine Kraft, dass man es im Zelt nicht lange aushalten konnte. Wir schlossen uns der Völkerwanderung Richtung Naturbad an und versuchten die Batterien im Schatten der Bäume des Glaubitzer Waldbades aufzuladen. Allerdings veranstaltete dort bereits die Hälfte der gut 3.000 Festivalbesucher ein einziges Happening. Der Bademeister schien massiv überfordert, die wenigen einheimischen Gäste leicht irritiert und die anwesenden Festivalbesucher nutzen ihre Chance und zelebrierten einen Surfbrett - Pogo vor der Nase des Bademeisters und dies ohne Wellengang und Badehose. Herr Bademeister wusste die Stimmung mit "passenden" Lautsprecherdurchsagen immer wieder gekonnt anzuheizen und kassierte dafür tosenden Applaus. Nachdem ein Teil der Besucher Bademeisters Boot kenterten, übernahm ein anderer Teil das Ruder am Mikrofon des Sprecherturmes. Was für ein Spaß.
Als sich dann doch so was wie Erholung einstellte, hatten schon zwei Bands den samstäglichen Reigen eingeläutet. Für mich fiel der Startschuss mit 2ND DISTRICT. Die Ahnentafel der Band liest sich recht beeindruckend: DISTRICT, REVOLVERS, HAPPY REVOLVERS und wenn man noch weiter zurück geht PUBLIC TOYS. Alles Bands die dem gemeinen Punk Rocker mit der Zunge schnalzen lassen und da knüpfen die vier Bochumer auch an, Punk Rock zwischen Glam und 77. In eine ähnliche Richtung ging es mit den CREETINS. Für ein Trio veranstalteten sie ganz schöne Action, die vom Publikum umgehend honoriert wurde. Nicht nur für die Tollenfraktion gab es anschließend die italienischen EVIL DEVIL. Kontinuierliche Arbeit zahlt sich aus und so wunderte es niemanden, dass sich ne stattliche Crowd vor der Hauptbühne versammelte. Die Italiener ließen zu keinem Moment lange Weile aufkommen und das, obwohl die Jungs schon am Vorabend bis zum Umfallen gefeiert hatten. In den ersten Reihen drängten sich inzwischen perfekt gestylte Iropunks, neben bunt tätowierten Rock'n'Rollern, korrekten Skins und vorbildlich gebürsteten Flatträgern. Den Weg Richtung GO FASTER NUNS sparte ich mir, denn die kleine Auszeit bis zum Auftritt der Schweizer PEACOCKS wusste ich mit einem Abstecher zum Veganburger Stand und dem Zwischenstopp am Cocktailstand gekonnt zu überbrücken. Ich wollte keine Minute vom Set des Trios aus Winterthur verpassen. Glaubitz haben die drei Schweizer ans Ende ihrer UK Tour gesetzt und Amerika wie Japan standen in den letzten Monaten auch im Tourenplan. Ihre schwarzen Hemden waren nach wenigen Takten schweißgetränkt. Die Leute lagen ihnen zu Füßen und das Spektakel nahm unaufhörlich seinen Lauf. Die amerikanischen Pop Punk Götter um Frontmann Joe Queer konnten die hervorragende Stimmung weiter tragen und die Stimmung im Zelt auf den Siedepunkt treiben. Zwar lagen zwischen den QUEERS und EVIL CONDUCT nur 200 m, die Entfernung zwischen Pop Punk und Oi! könnte aber kaum größer sein. Trotzdem funktionierte es bestens, vor allem weil die Holländer das Heer drittklassiger Oi! Bands weit hinter sich lassen. Außer Konkurrenz liefen auch MAD SIN. Ohne Frage für alle Festivalbesucher eine Bank und für alle ein großes Erlebnis. Man kann die Berliner Psychos inzwischen auf der ganzen Welt bewundern, doch so `ne Show wie in Glaubitz wird sicher nur selten dabei sein. Kaum zu glauben, dass man das noch steigern konnte. Doch die LOKALMATADORE sind in ihren besten Momenten zu allem bereit und wenn Sänger Fisch nach dem Auftritt freudestrahlend erkennt "Es ist schön, wieder zuhause zu sein!", kann man ahnen, dass heute einer dieser Momente war. Über 3.000 Kehlen unterstützten die Band vom ersten bis zum letzten Takt. Es wurde gemunkelt, dass die Band bereits nach 5 legendären Shows ihren 10-Jahresvertrag mit dem Veranstalter vorzeitig verlängern möchte. Die Hamburger Punk Legende ABWÄRTS hatte danach einen schweren Stand und da konnten auch die extra wegen des Gitarristen angereisten Fans nichts ändern. Da stand Ärzte Bassist Rod Gonzales und vor ihm tatsächlich ein paar jugendliche Fans, die es ohne seine Anwesenheit sicher nicht zum Festival geschafft hätten. Doch Frank Z. Mastermind der Hamburger forderte meine volle Konzentration. Er war fitter als erwartet und hatte nichts von seinem Zynismus und seiner Bissigkeit verloren. Beachtlich, sagt man dem Alter doch auch eine gewisse Abgeklärtheit nach. ABWÄRTS waren selbst zu ihrer Blütezeit keine Konsensband und wollen es jetzt sicher nicht mehr werden. Lieber ein so sympathischen Arzt auf der Bühne eines echten Punk Festivals, als `ne tote Hose in der Dreigroschenoper! Doch zurück zum Festival, da gab es noch die TORNADOS, ehe es langsam aber sicher Abschied nehmen hieß. Die TORNADOS sind keine reine Skaband. Die Dessauer mischen Beat, und Surf mit Ska und feiern damit zu recht immer größere Erfolge. Wer nun immer noch nicht genug hatte, zog sich an die Bierstände zurück oder widmete sich RED UNION, einem aufregenden Punk-Quartett aus dem serbischen Novi Sad mit frischen Tunes und pfiffigen Texten. Den krönenden Schlusspunkt setzten die ROCK`N`ROLL STORMTROOPERS in Jeanskutten und Hot Pants mit ihrem Glam Punk Hymnen.
Inzwischen schlichen die Zeiger wieder Richtung 4 und es war Zeit unserem Zelt einen kurzen Besuch abzustatten. Von der Hektik des Aufbruches ließen wir uns nicht anstecken und genossen noch einige Stunden im Waldbad. Doch irgendwann ging das anstrengende aber superlustige Open Air mit Gästen aus ganz Europa zu Ende. Sicher sind die Bands das Aushängeschild einer solchen Veranstaltung, doch ebenso wichtig ist die vorgefundene Festivalstruktur. Abgesehen von den langen Schlangen am Bierstand konnte man seine Gäste mit fairsten Preisen verwöhnen. Das Wochenendticket im Vorverkauf für 23 Euro, das große Bier wie das Steak im Brötchen zu je 2 Euro und dann der Eintritt zum Bad für sage und schreibe 1 Euro. Beeindruckend war für mich auch die friedliche Atmosphäre aller Gruppierungen auf dem Gelände und dem Zeltplatz, so sollte es sein. "If the kids are united...".
Straße der Besten (wir waren schon da):
Abwärts, Against Me!, Angelic Upstarts, Bones, Briefs, Business, Dead Kings, Demented Are Go, Dr. Ring Ding & The Senior Allstars, Evil Conduct, GBH, Kids, King Khan & His Shrines, Lokalmatadore, Long Tall Texans, Mad Sin, Mark Foggo & The Skasters, Meteors, Miozän, Molotow Soda, Mothers Pride, Movement, Oxymoron, Peacocks, Peepshows, Peter Pan Speedrock, Queers, Rawside, Red London, Skarface, Slackers, Terrorgruppe, Toasters, Tornados, Troopers, Turbo AC`s, Vanilla Muffins, ...
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